Aufbruch ins Leben
Verantwortung übernehmen und Zukunft gestalten
In der Oberstufe übernehmen die Jugendlichen zunehmend Verantwortung für ihr eigenes Lernen. Fachlich anspruchsvolle Inhalte, regelmäßige Reflexion und die Auseinandersetzung mit Natur- und Geisteswissenschaften fördern Selbstständigkeit und Urteilsfähigkeit.
Praktika in sozialen, handwerklichen oder industriellen Bereichen erweitern den Blick für die Welt und bieten Raum für persönliche Entwicklung. Künstlerische und handwerkliche Fächer wie Schmieden, Nähen, Musizieren oder Eurythmie bleiben wichtige Lernfelder, die Kopf, Herz und Hand verbinden.
Den Unterricht übernehmen in allen Fächern akademisch bzw. handwerklich ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer. Die Klasse wird von zwei Klassenbetreuern geführt.
Das 12. Schuljahr bildet den krönenden Abschluss: ein selbst erarbeitetes Theaterstück, die individuelle Jahresarbeit, ein gemeinsamer künstlerischer Abschluss sowie eine abschließende Reise nach Florenz und zum Steinhauerpraktikum nach Azzano (Italien) lassen diese Lebens- und Lernphase noch einmal lebendig aufleuchten.
Besonderheiten der Oberstufe
- Berlinfahrt
- Gedenkstätten-Projekt der 10. Klasse in Dachau
- Feldmesspraktikum
- Handwerkspraktikum
- Landwirtschaftspraktikum
- Sozialpraktikum
- 12.-Klassspiel
- Jahresarbeit
- Architekturepoche, Reise nach Florenz & Steinbildhauerpraktikum in Azzano
- Lehrplan der Oberstufe

Berlinfahrt
Zwischen Bundestag und Streetart – Lernen in Berlin
Es gibt gute Gründe für die Beliebtheit der Bildungsfahrt in die Bundeshauptstadt während der 11. Klasse: Berlin – das ist eine Woche politikkulturelle Vollwertkost für auskunftshungrige Jugendliche. Nirgends liegen politisch-kulturelle Orte und Themen räumlich und zeitlich so dicht erlebbar beisammen, Politik wird intensiv wie sonst nirgends und nie, individuell und vielfältig erfahrbar. Das Bemühen der Parteien um das Interesse der Jugend ist groß.
Gedenkstätten-Projekt der 10. Klasse in Dachau
Gegen das Vergessen – mit Stift, Kamera und Stimme
Eine Gedenkstätte ist immer ein Ort, der seine Wurzeln in der Vergangenheit hat, in der Gegenwart Bewusstsein für diese Vergangenheit einfordert und Aufgaben für die Zukunft in Freiheit ermöglichen kann. Heuchlerische Betroffenheitsrituale werden von Jugendlichen sehr schnell durchschaut. Aber sie leiden auch darunter. Unser Lehrerkollege Walter Kraus machte als Begründer unseres Gedenkstättenprojektes im KZ Dachau auf dieses Phänomen aufmerksam und entwickelte eine konzeptionelle Idee für einen zweieinhalb-tägigen Gedenkstättenbesuch unter ganz anderen, für heutige Begriffe revolutionären Bedingungen: Die Schüler wählen sich im Rahmen des Projektes einen der angebotenen Workshops und nehmen an einer Führung durch die Gedenkstätte teil, die der Pfarrer der Versöhnungskirche in äußerst kompetenter und persönlicher Art und Weise durchführt. Es werden folgende Workshops angeboten: Portraitzeichnen aus einem biografischen Kontext der abgebildeten Figur (Stefan Fichert), Drehen eines Filmes über Wege innerhalb der Gedenkstätte (Raimund Ritz) und kreatives Schreiben (Bodo Bühling).
Die Idee, in diesem „vor der Haustür“ liegenden Ort, der das Grauen einer Epoche wie in einem Brennglas fokussiert, in jedem Schüler einen Prozess der Bewusstwerdung zu initiieren, war und ist ungeheuer wichtig und hat durch die Jahre vieles bewirkt. Künstlerische Arbeit ist per se geronnene Liebe, weil nur durch liebevolle Hinwendung zum Thema und zum bearbeiteten Material etwas in eine wesentliche künstlerische Form gebracht werden kann. In diesem Sinne versteht auch Yehudi Menuhin seine eigene Aussage: „Es gibt keine bessere Gewaltprävention für Jugendliche, als selber musikalisch tätig zu werden.“

Feldmesspraktikum
die Vermessung der Welt
Im Feldmesspraktikum wird Mathematik praktisch. Von Tag zu Tag ziehen die Schülerinnen und Schüler nach einer theoretischen Einweisung in kleinen Teams und mit professionellen Geräten los, um ein ausgewähltes Gebiet zu vermessen. Die gemessenen Größen werden dann abends unter Anwendung der trigonometrischen Kenntnisse der Jugendlichen, die sie sich in der Mathematikepoche zuvor angeeignet haben, zur Errechnung der für die Landkarte nötigen Strecken benutzt. Am Ende der zwei Wochen Feldmesspraktikum ist alles auf Schablonen festgehalten und jeder Schüler zeichnet mit Tusche seine eigene Landkarte der Gegend.
Handwerkspraktikum
Konfrontation mit der realen Arbeitswelt
Im Handwerkspraktikum der 9. Klasse machen die Schülerinnen und Schüler erste Erfahrungen im Berufsleben. Das Gewerk und die Praktikumsstelle für diese zwei Wochen suchen sie sich selbst. Während des Praktikums dokumentieren die Jugendlichen laufend ihre Erfahrungen im Betrieb mit Text, Fotos und Zeichnungen, um sie anschließend in einem Praktikumsbericht zusammenzufassen.


Landwirtschaftspraktikum
Was kommt morgen auf den Teller?
Im zweiwöchigen Landwirtschaftspraktikum in der 10. Klasse arbeiten und leben die Jugendlichen auf den Höfen mit. So können sie unmittelbar erfahren, wieviel Mühe und Sorgfalt nötig ist, um unsere Lebensmittel herzustellen. Dabei wird auch die Qualität und die „Lebendigkeit“ der biologischen Produktionsweise deutlich.
Sozialpraktikum
Schüler helfen Roma-Familien in Rumänien
Seit 2002 helfen die Schülerinnen und Schüler der 11. Klasse im Rahmen ihres dreiwöchigen Sozialpraktikums Roma-Familien in Roșia (Rumänien) bei der Grundsanierung ihrer einfachen Lehmhütten und seit 2013 auch beim Neubau von Häusern in Lehmbauweise mit Schilf und leeren Flaschen als Wärmedämmung. Auch der örtliche Kindergarten, ein Fußballplatz sowie die Schulmensa wurden mit Spendengeldern finanziert und von unseren Schülerinnen und Schülern mit aufgebaut. Das Projekt dient als kleiner Baustein, mit dem die Jugendlichen aktiv an der Solidarität innerhalb Europas mitwirken.

12.-Klassspiel
Theater in der 12. Klasse – Bühne für Reife und Ausdruck
Das Klassenspiel der 12. Klasse ist ein besonderer Moment des Aufbruchs und Rückblicks zugleich. Gemeinsam erarbeiten die jungen Erwachsenen ein abendfüllendes Theaterstück – intensiv, eigenverantwortlich und voller Kreativität. Sie tauchen in Rollen ein, gestalten Kostüme, entwerfen Kulissen, schreiben Texte, planen Öffentlichkeitsarbeit – und bringen am Ende ein fertiges Bühnenwerk auf die große Schulbühne.
Wie kaum ein anderes Projekt fordert und fördert das Theater Konzentration, Ausdruckskraft, Teamgeist und Organisationstalent. Es ist ein Raum, in dem die Schülerinnen und Schüler sich selbst begegnen – und zeigen dürfen, wer sie geworden sind.
Jahresarbeit
Ein persönliches Werk mit öffentlicher Wirkung
Die Jahresarbeit der 12. Klasse ist ein besonderer Höhepunkt am Ende der Schulzeit. Ein ganzes Jahr lang setzen sich die Jugendlichen intensiv mit einem selbst gewählten Thema auseinander – sei es wissenschaftlich, künstlerisch, handwerklich oder sogar technisch, vom Theaterstück bis zur App-Entwicklung, vom Bootsbau bis zur sozialkritischen Analyse.
Begleitet von Fachlehrer:innen und externen Mentor:innen entsteht eine fundierte schriftliche Arbeit und oft auch ein praktischer Teil. Die Ergebnisse präsentieren die jungen Erwachsenen schließlich mit großer Ernsthaftigkeit und Persönlichkeit vor einem breiten Publikum – ein berührender Moment, der Selbstständigkeit, Tiefgang und Reife sichtbar macht.

Architekturepoche, Reise nach Florenz & Steinbildhauerpraktikum in Azzano
Sehen lernen. Denken schärfen. Gestalten üben.
Die Beschäftigung mit der Kunst hat im Lehrplan der zwölften Klasse an der Waldorfschule ein großes Gewicht. Übergreifende Themen sind dabei, wie auch in den anderen Fächern, der Überblick über große Entwicklungen der Geistesgeschichte und das Interesse an der Individualität des Menschen.
Nicht nur das Portraitzeichnen führt an diese Themen heran, auch die Auseinandersetzung mit Architektur findet bewusst zu diesem Zeitpunkt statt, an dem die Schüler in der Lage sind, sich ein eigenes Urteil zu bilden: sei es über die geistesgeschichtlichen Entwicklungen, die an den Bauformen ablesbar sind, als auch über das Verhältnis von Körper und gebautem Raum.
Jede Waldorfschule widmet sich in dieser Phase diesem Themenbereich, jede auf eine etwas andere Weise. An unserer Schule gibt es seit jeher gegen Ende der zwölften Klasse die Triade von Architekturepoche, der einwöchigen Reise nach Florenz und des anschließenden Steinbildhauerpraktikums in Azzano – alles in allem sechs Wochen intensivster Beschäftigung mit Kunst.
Lehrplan der Oberstufe
| 9. Klasse | 10. Klasse | 11. Klasse | 12. Klasse | |
|---|---|---|---|---|
| Geschichte | Kultur-, Wirtschafts-, Sozialgeschichte, politische Geschichte: von der Frühzeit bis zur Gegenwart | Kultur-, Wirtschafts-, Sozialgeschichte, politische Geschichte: von der Frühzeit bis zur Gegenwart | Kultur-, Wirtschafts-, Sozialgeschichte, politische Geschichte: von der Frühzeit bis zur Gegenwart | Kultur-, Wirtschafts-, Sozialgeschichte, politische Geschichte: von der Frühzeit bis zur Gegenwart |
| Kunstgeschichte | Alte Kulturen, Mittelalter bis Renaissance | – | Kunstbetrachtung, Kunstgeschichte der Neuzeit | Architektur-Überblick Ägypten bis Gegenwart |
| Geographie | Geologie | Klimatologie | Standort Deutschland | Globale Welt im Wandel, Entwicklungsräume der Tropen und Subtropen |
| Biologie | Anatomie des Menschen, Vergleiche mit Wirbeltieren, Metamorphosen | Blutkreislauf, Funktion, Zusammenhänge wichtiger Organe beim Menschen | Zellenlehre, Genetik, Grenzen des Sichtbaren (Modelle als Reduktion der Realität) | Überblick über die 12 Stämme des Tierreiches (Embryologie, Evolution) |
| Chemie | Organische Chemie, Photosynthese, Zucker, Stärke, Zellstoff, Alkohol, Äther, Ester | Salze, Säuren, Basen | Chemische Elektrizität, Periodensystem | Organische Chemie |
| Physik, Technologie | Wärmelehre | Mechanik | Elektrizitätslehre, Magnetismus, Energiewirtschaft | Optik, Relativitätstheorie, Dualismus |
| EDV | Zehnfingersystem, Grundlagen in Word, Excel und PowerPoint | einfaches Programmieren (Quick Basic) | Funktionsweise des PC, logische Gatter; Excel, Word | – |
| Deutsch-Epochen | Klassik in Dramen und Prosa; Humor in Genres und Leben | „Nibelungenlied“ Poetik; freies Projekt (z.B. Rhetorik) | „Parzival“; freies Projekt (z.B. wiss. Arbeiten) | „Faust“ I und II; freies Projekt (z.B. Romantheorie) |
| Deutsch Fachunterricht | Aufsatzformen Lektüre, Referate | Aufsatzformen (speziell Erörterung); Literaturgeschichtliche Aspekte | mehrgliedriges Erörtern, freies Referieren und Präsentieren, Motiv- und Gattungsgeschichte | angewandte Rhetorik; literarische Analyse, Interpretation, Erörterung |
| Englisch und Französisch | Wiederholung und Erweiterung grammatikalischer Strukturen Rezitationen poetischer und epischer Natur; systematischer Ausbau des Wortschatzes anhand von literarischen und journalistischen Texten, Landeskunde entsprechend den thematischen Schwerpunkten Biographien und Beginn literarischer Texte | Wiederholung und Erweiterung grammatikalischer Strukturen Rezitationen poetischer und epischer Natur; systematischer Ausbau des Wortschatzes anhand von literarischen und journalistischen Texten, Landeskunde entsprechend den thematischen Schwerpunkten Biographien und Beginn literarischer Texte | Wiederholung und Erweiterung grammatikalischer Strukturen Rezitationen poetischer und epischer Natur; systematischer Ausbau des Wortschatzes anhand von literarischen und journalistischen Texten, Landeskunde entsprechend den thematischen Schwerpunkten dramatische und moderne epische Originaltexte, Übungen zur Textanalyse | Wiederholung und Erweiterung grammatikalischer Strukturen Rezitationen poetischer und epischer Natur; systematischer Ausbau des Wortschatzes anhand von literarischen und journalistischen Texten, Landeskunde entsprechend den thematischen Schwerpunkten dramatische und moderne epische Originaltexte, Übungen zur Textanalyse |
| Latein | Wortschatz, Grammatik, Übersetzung, Grundwissen, Vorbereitung auf das Latinum | Wortschatz, Grammatik, Übersetzung, Grundwissen, Vorbereitung auf das Latinum | Wortschatz, Grammatik, Übersetzung, Grundwissen, Vorbereitung auf das Latinum | Wortschatz, Grammatik, Übersetzung, Grundwissen, Vorbereitung auf das Latinum |
| Mathematik | Algebra, Kombinatorik, ebene Geometrie | Potenz, Logarithmus, Bewusstsein von Rechentechniken, Trigonometrie | Funktionen, Folgen und Reihen Vektorgeometrie, projektive Geometrie | Differenzial- und Integralrechnung, Stochastik |
| Bildende Kunst | Hell-Dunkel-Zeichnen | Drucktechniken, Grundkurs Kunst | Landschaftsmalerei | Selbstportrait |
| Handwerk / Handarbeit | Kupfertreiben, Korbflechten, Töpfern | Plastizieren, Schreinern, Spinnen | Freies Plastizieren, Schnitzen, Kartonage | Plastizieren (Portrait), Buchbinden |
| Musik | Chorische Stimmbildung, Vertiefung der musikalischen Arbeit am Lied und im mehrstimmigen Gesang; Musikgeschichte: Entwicklung der abendländischen Musik; Musiktheorie Oberstufenchor und Orchester, Chor-/Orchesterwochenende, zwei Konzerte pro Jahr | Chorische Stimmbildung, Vertiefung der musikalischen Arbeit am Lied und im mehrstimmigen Gesang; Musikgeschichte: Entwicklung der abendländischen Musik; Musiktheorie Oberstufenchor und Orchester, Chor-/Orchesterwochenende, zwei Konzerte pro Jahr | Chorische Stimmbildung, Vertiefung der musikalischen Arbeit am Lied und im mehrstimmigen Gesang; Musikgeschichte: Entwicklung der abendländischen Musik; Musiktheorie Oberstufenchor und Orchester, Chor-/Orchesterwochenende, zwei Konzerte pro Jahr | Chorische Stimmbildung, Vertiefung der musikalischen Arbeit am Lied und im mehrstimmigen Gesang; Musikgeschichte: Entwicklung der abendländischen Musik; Musiktheorie Oberstufenchor und Orchester, Chor-/Orchesterwochenende, zwei Konzerte pro Jahr |
| Eurythmie | Vergleiche von Gedichten, Quintenzirkel | Poetik-Metrik, Reimformen, Dynamik der Bewegung, Dramatik der Musik | Moderne Lyrik, Planeten, Farben, melodische Intervalle, Eurythmieaufführung | Zeitgenössische Lyrik und Musik, Tierkreis |
| Sport | Gymnastik, Geräteturnen, Akrobatik, Leichtathletik, Schwimmen, Sportspiele … | Gymnastik, Geräteturnen, Akrobatik, Leichtathletik, Schwimmen, Sportspiele … | Gymnastik, Geräteturnen, Akrobatik, Leichtathletik, Schwimmen, Sportspiele … | Gymnastik, Geräteturnen, Akrobatik, Leichtathletik, Schwimmen, Sportspiele … |
| Religion | Evangelischer, katholischer oder freier christlicher Religionsunterricht, Christengemeinschaft | Evangelischer, katholischer oder freier christlicher Religionsunterricht, Christengemeinschaft | Evangelischer, katholischer oder freier christlicher Religionsunterricht, Christengemeinschaft | Evangelischer, katholischer oder freier christlicher Religionsunterricht, Christengemeinschaft |
| Praktika / Klassenfahrten | Handwerkspraktikum | Feldmesspraktikum, Landwirtschaftspraktikum (z.T. in Frankreich) | Sozialpraktikum (z.T. in Rumänien), Berlinfahrt | Kunstreise nach Florenz, Steinhaupraktikum in Azzano/Italien |
| Sonstiges | Wahlpflichtfächer z.B. Schmieden, Architekturmodelle, Videoprojekt, Zeichnen, großformatiges Malen, Sprayen, Photographie, Fremdsprachentheater, Philosophie, Tanz | Wahlpflichtfächer z.B. Schmieden, Architekturmodelle, Videoprojekt, Zeichnen, großformatiges Malen, Sprayen, Photographie, Fremdsprachentheater, Philosophie, Tanz | Wahlpflichtfächer z.B. Schmieden, Architekturmodelle, Videoprojekt, Zeichnen, großformatiges Malen, Sprayen, Photographie, Fremdsprachentheater, Philosophie, Tanz | Jahresarbeiten und ihre Präsentation, Klassenspiel und Theateraufführung |